Die meisten, die dieses Album anschauen, werden es ja wissen. 2008 ging für uns Radfreaks nicht allzu viel. Nennen wir es der widrigen Umstände wegen. Daher war ich geradezu versessen darauf, wenigstens zum Autofreien Tag am Stilfser Joch 30.8.08 zu fahren, auch wenn es eine für mich untypische Nachtan/abreise mit dem Auto war. Auch war ich nicht so sonderlich in Form, da wir alle großen Touren vorher absagen mußten. Aber es ging. Vor allem hatte ich ein Traumwetter.
Eigentlich wollte ich ja nur aufs Stilfserjoch. Da ich aber am Vortag schon gegen Mittag in Mals angekommen bin, habe ich die verbleibende Zeit zu einem Ausflug zum Reschenpass genutzt und den Reschensee umrundet. Sehr empfehlenswerter Zeitvertreib, es gibt einen durchgehenden Radweg entlang der Etsch. Allerdings ist er in die eine Richtung nicht ganz steigungsfrei :-) 41 km, 750 Hm
Vom Reschensee ein Blick auf den König Ortler, wie die Südtiroler den 3.905 m hohen Bergriesen nennen. Es ist ein ganzes Massiv mit Steilabbrüchen, Gletscher und Schneefeldern. Dorthinein geht es dann morgen.
Herrlicher abendlicher Blick ins obere Vinschgau. Rechts geht es in die Seitentäler. Zuerst ins Mustairtal, wo ich tagsdrauf zurückkommen sollte, und der zweite Einschnitt führt zum Stilfser Joch. Links der Kirchturm von Mals, wo ich mich einquartiert habe.
Da ich in Mals untergekommen bin, hatte ich noch die morgendliche Anfahrt nach Prad durch das obere Etschtal zu bewältigen. 8 km geht es bloß bergab - ich merke es gleich: Das ist heute irgendwie nix für mich :-)
Das Stilfser Joch ist mit 2.758 Hm der zweithöchste Alpenpass. Aber nicht allein deswegen, sondern vor allem wegen seiner abenteuerlichen Streckenführung und seiner landschaftlichen Schönheit ist er bei den Radfahrern einer der beliebtesten Pässe. Hier ein Blick vom Etsch-Radweg aus, rechts der Mitte erkennt man ein kleines Häuschen, die Seilbahnstation am Pass.
Hier gehts los: Die klassische Strecke wird von Prad (913 m) aus in Angriff genommen. Am Sulden-Bach entlang ist die Straße zunächst zum Warmfahren geeignet. Angeblich sind es immer mehrere Tausend Radfahrer. Das erlebt man aber überhaupt nicht so, da die Gruppen unterschiedlich starten und sich das Feld schnell auseinanderzieht.
Wie man sieht, werden auch beleibtere Herren in fortgeschrittenem Alter zugelassen, wenn sie nur entsprechend gestylt sind. Sonst sind es aber überwiegend deutlich jüngere Fahrer (10 % Fahrerinnen), 2/3 auf Rennrädern.
Gesperrt und trotzdem immer wieder Autos, die wieder zurückgeschickt wurden. Besonders ungehalten waren uninformierte Motorradfahrer. Leider galt die Sperrung nur bis 16 Uhr, auf der Rückfahrt war das knapp.
Auf der Straße nach Gomagoi sind es zunächst gemütliche 4 %. Dafür zieht es sich. Es überholen mich viele Rennradler, die ich in den ersten Serpentinen schon wiedersehen sollte. Viele hatten für mich überraschend eine ungeeigenete Übersetzung drauf!
Mal ein schlechtes Bild, ich habe oft während des Fahrens fotografiert.
Durch das Trafoier Tal am Suldenbach entlang
Hier isser. Viel Wasser heuer für das sonst so trockene Vinschgau, deswegen war auch der Bewuchs in den oberen Regionen sehr grün.
Zunächst geht es über langgezogene Anstiege mit 4-6 % hinauf.
Ab Gomagoi (1267m) geht es dann richtig zur Sache: 48 Serpentinen sind es bis zum Pass. Alle sind sie abwärts nummeriert und teilweise mit Höhenangaben versehen, was einem die Orientierung erleichtert.
Blick ins Nebental Richtung Sulden so gegen 10 Uhr.
...und zurück Richtung Etschtal
auch mal durch eine Galleria
und dann beginnt die erste tornante, nicht gerade die schwerste
Hoch nach Trafoi (1543 m). Die Serpentinen sind bauliche Meisterwerke erbaut im Jahre 1826. An der Trassierung hat sich bis heute kaum etwas geändert.
immer wieder mit herrlichen Ausblicken auf das Ortlermassiv
Da muss ein jeder anhalten, auch wenn man es jetzt noch nicht nötig hat.
Trafoi ist das letzte Dorf vor dem Pass, der noch unendlich weit weg ist. Ich genehmige mir, wie immer auf unseren Touren um diese Zeit einen zweiten Cappuccino. Die Vorbeisausenden schauen verdutzt, haben eben keine italienische Cafekultur.
nach dem Ort gehts raus aus dem Tal
Erste Strecken mit mehr als 10% Steigungen durch lichten Wald beginnen.
Für mich war das erstaunlicherweise der unangenehmste Abschnitt. Es war noch sehr warm und die Steigung schwankte. Irgendwie war es schwer, seinen Rhythmus zu finden. Aber es ist ja nicht der erste Berg für mich.
Man beißt sich halt durch.
Blick auf die bereits zurückgelegten 600 Hm, das Doppelte wartet noch.
Oben kann man die Passhöhe samt Seilbahn immer besser erkennen. Die Landschaft ist kontrastreich, bietet immer wieder neue Blicke.
Schön anzuschauen auch die hochalpine Flora - vor allem von oben :-)
und so siehts von unten aus
Die Franzenshöhe kommt ins Blickfeld. Man hat 2.000 Hm geschafft, zum Greifen nah, aber immer noch gehts ein paar Schleifen hoch.
Eine gewisse Serpentinen-Libido ist daher unverzichtbar. Auch wenn es abenteuerlich aussieht, so war dieser Abschnitt in freier Natur für mich viel einfacher zu fahren. Die Steigung blieb gleich (auf hohem Niveau bis 12 %)
Einfahrt Franzenshöhe mit guter Versorgung (Canederli Suppe, Pasta, Kuchen) und leider auch mit landestypischer Beschallung. Nahrungstechnisch bin ich auf Bananen und Kohlenhydrate programmiert, leiste mir deshalb nur einen köstlichen Apfelstrudel mit Vanillesoße. Hintendran ein schöner Blick auf das was noch kommt.
Ein schönes Platzerl, derweil die ersten schon wieder herunterkommen
Sieht doch noch frisch aus, der Junge? Treffe hier ein paar Jungs aus Tüb/KA, mit denen ich gleich Kontakt habe...
...nichtzuletzt weil sich unsere Räder irgendwie ähneln. Ich bin also nicht der einzige mit blauem velotraum, auch wenn ein Generationsunterschied unverkennbar ist.
2x Notarztwagen, 1x steigt der Helikopter auf, aber letztendlich wohl nur Kreislaufkollapse. Meiner Beobachtung nach waren nur wenige dabei, die sonst nur Genußradler sind. Aber auch die Profis hatten eines wohl nicht bedacht: die ungewöhnliche Hitze, in 2100 m immer noch 25 Grad, ganz oben noch fast 20 Grad im Schatten!
Jetzt geht es in die Steilwand. Nochmals 22 Kehren auf 5 km 600 Hm. Alles nur Willenssache. Die Baumgrenze ist erreicht, es wird immer spektakulärer.
Dieser Pass ist schon was Besonderes!
Steigungen bis 12 % aber trotzdem finde ich jetzt gut meinen Tritt, die etwas sanfteren Gegenanstiege bieten oft eine “Verschnauf”pause. Den Rest machen die Endorphine, die Gruppendynanik und der einsetzende Höhenrausch.
Die Rennräder fahren oft schon wieder ab, das läßt einem die große Zahl der Teilnehmer nicht so wahrnehmen. Platzenge oder gefährliche Situtation habe ich keine erlebt.
Weil es so schön war, noch ein Bild im Vorbeifahren
Der Blick nach vorne läßt noch einiges erahnen.
Bei tornante 14 nochmals eine gut organisierte Versorgungstation, kaum Wartezeiten.
Die Bozener Feuerwehr liefert Trinkwasser...
...ich bevorzuge kalten Kräutertee
macht sichtbar schlanker :-)
Weiter gehts! Man sieht sich trotz der Anstrengung nicht satt.
gell?
Ortler mit Gletscher nebenan
senza parole
... und dann ist man doch recht flott oben. Man hörts zuerst am Gejohle der anderen, dann sieht man den Rummel und will es nicht glauben. Wie gesagt fand ich die Steilwandpassage die schönste, aber nicht die anstrengendste.
Die Passhöhe ist ziemlich verbaut: Touriläden, Hotels, Restaurant, Seilbahn... aber heute machen die Radler alles platt. Es geht ungezwungen und lustig zu, jeder ist irgendwie gut drauf, die Endorphine eben.
Uns gegenüber das Restaurant Tibet, das heute keiner so richtig aufsuchen möchte, Hauptsache oben. Ich begnüge mich mit einem Cafe. Fazit: Getrunken habe ich 3,5 Liter, gegessen 2 Bananen, 2 belegte Brötchen und den Apfelstrudel - hmm.
Dafür waren es bis dahin 30 Km und 1.800 Hm.
Das obligatorische Foto ohne...
und mit... und weil es so schön ist auch noch von der lombardischen Seite - o.k. man darf ja auch etwas eitel sein. Dafür habe ich die Holländer hinter mir, 10 min lang mit x verschiedenen Kameras abgelichtet.
Ich bin dann im Gegensatz zur Mehrzahl der Radler nicht wieder das Stilfser Joch, sondern über den Umbrailpass abgefahren, der auch Pkw-frei war und nicht so viele Radler versprach.
Kaum über dem Pass ändert sich das Landschaftsbild. Man trifft auf eine Mondlandschaft wie im Gran Sasso. Grün- und Brauntöne herrschen vor.
Hier der Blick auf die Abfahrt auf der Schweizer Seite
Blick zurück zum Stilfser Joch
Der Umbrailpass ist der höchste Pass der Schweiz. Und wo Schweizer sind, da sind auch gleich Kühe.
nochmals
Die Abfahrt war ebenfalls sehr schön aber nicht vergleichbar spektakulär.
Zudem sind auf diesem alten Militärpass 2 km nicht asphaltiert.
Für die Rennräder, die mit herunter gefahren sind, war das wegen der Rillenbildung nicht ganz einfach, aber machbar.
Schöner Blick Richtung Westen ins schweizerische Mustairtal zum Ofenpass
Ich bin 9 Uhr in Mals los, 10 Uhr ab Prad hoch, war nach der langen Pause auf der Franzensfeste gegen 14 Uhr, so dass bei der Abfart unten auf die gerade wieder zugelassenen Stinker und Krachmacher stieß. Ich kann mir kaum vorstellen, diese beiden engen Pässe mit Straßenvekehr zu fahren.
Zum Schluss noch ein Engadiner Haus, ich brauche noch ein paar Km bis nach Mals. Toll wars! Würde ich jederzeit wieder machen. Aber es gibt ja auch noch andere schöne Pässe.